Senioren reisen:

Letzte Änderung:  04.04.00

 

Eine Reise in die Erinnerung
vom 2. bis 9. August 1999
    Ein Bericht von Maria Fiebig, Wangen im Allgäu 

Spurensuche

nach 54 Jahren

in meiner Heimatstadt

Breslau/Wroclaw

Niederschlesien

 
Jahreslauf - Lebenslauf

Es ist jed' schlesisch Zuhause

Ein warmes Nest

Ein Krug, eine Klause,

Ein Tisch, ein Fest.

Es hat jed' schlesisch Zuhause

Auch einen Wandersmann

Mit Hut und Mantel und Krause

Und Stiefel an.

 


Im Schutze einer Reisegesellschaft fahre ich das erste Mal nach 54 Jahren in Begleitung meiner Freundin, den Weg in die Erinnerung suchend, in meine alte Heimatstadt Breslau. Die Reisegesellschaft als Schutz ? Ja, im rechten Augenblick gibt es da diesen einfachen Satz: "Wir müssen weiter !"

Er bewahrt davor, daß Traurigkeit überhand nimmt. Mein Koffer ist angefüllt mit vielen Fragen: "Was wirst Du finden, was wird Dich erwarten ?", angefüllt auch mit Freude, einmal dort zu sein, ohne Illusionen.

Zunächst das erste Autobahnschild 'Breslau 178 km', später dann 'Ausfahrt Wroclaw' und plötzlich ist man angekommen. Es macht stumm. Nur ganz innen drin fängt es an zu singen oder ist es gar Glockenläuten: "Zu Hause, zu Hause". In dieser Nacht stehe ich lange am Fenster meines Hotelzimmers, schaue auf mein liebes Breslau mit seinen vielen Lichtern. Sehe einer Straßenbahn nach, frage mich, wohin sie fahren mag. Ich blicke zum Himmel mit seinen vielen Sternen und meine Gedanken wandern 54 Jahre zurück.

In dieser Stadt hatte ich sehr bewusst meine schönsten Kinderjahre verlebt.

 

 

 

 

 

Nächster Tag: Stadtführung

Meine bange Frage: "Werde ich noch etwas wiedererkennen?" Blick von der Kaiserbrücke/Most Grunwaldzki über die Oder zur Dominsel, Wiege des ältesten Stadtteils von Breslau.

Scheitniger Park/Park Szczytnicki vorbei am alten Eingang Zoo, dies war immer ein lohnender Ausflug, allein wegen der Affen!

Der Zoo hat heute wieder mehr als 7100 Tiere bei 600 verschiedenen Arten. Mit 36 Hektar gehört er nicht nur zu den größten Polens sondern Europas.

Die Jahrhundert-Halle/Hala Ludova, 1912 erbaut, war von unerhört gewagter Konstruktion. Sie besaß in ihrer damals neuartigen Eisen-Betonbauweise die größte frei-schwebende Massivkuppel der Welt. Niemand hatte bis dahin eine Kuppel mit 41 Meter Höhe und 65 Meter freier Spannweite in Beton gebaut. Angeblich mußte der Architekt Max Berg nach dem Guß die ersten Schalbretter eigenhändig losschlagen, weil die Arbeiter den Einsturz befürchteten.

Das Strandbad Leerbeutel gibt es noch: Kinderseligkeit an heißen Sommertagen!

Die Dominsel mit Dom und Kreuzkirche, die kleine romanische Ägidienkirche, erbaut zu Beginn des 12. Jahrhunderts wohl älteste Kirche der Stadt mit ihrem Klößeltor.

Über die Dombrücke erreicht man die Sandinsel mit der Kirche 'Maria auf dem Sande': Deren Seitenschiffe mit hinreißend lebendigen Springgewölben und die über alle Beschreibung erhabenen herrlichen Glasfenster der polnischen Künstlerin Teresa Reklewska.

Weiter zur Universität, diese enthält - weltweit einmalig - die 'Aula Leopoldina' mit ihrer barocken Ausstattung.

 

 

Und dann der Ring: Nicht wiederzuerkennen!

 

Die Häuser, alle restauriert, strahlen in ihren frischen Farben mit dem Sonnenschein um die Wette.

Keine Straßenbahn fährt hier mehr bimmelnd hindurch: Alles Fußgängerzone. St. Elisabeth an der Ecke der Naschmarktseite mit den beiden schmucken Altaristenhäuschen 'Hänsel und Gretel' - 'Hänsel' im einfachen Gewand, 'Gretel' mit Blumenschmuck an den Fenstern.

Breslaus bedeutendstes Bauwerk ist das Rathaus. Es entwickelte sich wahrscheinlich um 1290 aus einer Markthalle. Seine heutige Gestalt erhielt es um 1471 bis 1508 mit dem prunkvollen Ostgiebel. Vieles ließe sich über die herrlichen Schmuckfriese und dekorativen Kielbogenfelder über den Fenstern erzählen.

Berühmt der Schweidnitzer Keller, seine Geschichte beginnt mit dem Bau des Rathauses 1273. Er bedeutete den Breslauern immer mehr als ein Ostdeutsches Hofbräuhaus.

Die kurzgefaßte Vorstellung meiner Heimatstadt ist damit beendet, viele kennen das Gedicht von Joseph Freiherr von Eichendorff:

Es war, als hätt' der Himmel die Erde still geküßt ...

Flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus'.

Möge es Polen und Deutschen gelingen, aus der Geschichte zu lernen, um an einer gemeinsamen Zukunft zu bauen! Mögen dann alle durch offene Grenzen reisen können, mögen alle die gleiche Sprache sprechen, um einander besser zu verstehen.

Dann würde die Friedenstaube, die Pablo Picasso anläßlich eines Weltkongresses der Intellektuellen in der Jahrhunderthalle zeichnete, ihren Sinn nicht verlieren, aller Welt Frieden zu bringen !

 Auf Wiedersehen - Wroclaw!

Lebe wohl - Breslau!

Ade - Brassel!


Copyright by Maria Fiebig aus Wangen 
am Sonntag, den 26. März 2000
Fragen zum Inhalt beantwortet Ihnen Maria Fiebig
Fragen zu Herstellung und Satz richten Sie bitte an: Jürgen Lindner


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